Aktivitäten 2011
19.12.2011, Neue Einsatzbekleidung ausgeliefert
Klein Nordende - Farbwechsel bei der Feuerwehr Klein Nordende: Nach fast zweijähriger Planungs- und Beschaffungszeit, lieferte der österreichische Hersteller Texport in der letzten Vorweihnachtswoche 70 neue Überjacken und -hosen für die Brandbekämpfung sowie die Technische Hilfeleistung gemäß DIN EN 469:2007. Die Klein Nordender Einsatzkräfte werden damit zukünftig nicht mehr im gewohnten Orange, sondern in einer schwarz-blauen Schutzkleidung in den Einsatz gehen. Zusätzlich wird diese im Schulterbereich durch einen roten Oberstoff abgesetzt. Wichtiger als die optische Veränderung ist für die Einsatzkräfte jedoch der technische Aufbau und damit die Schutzleistung der neuen Überbekleidung.
Diese bietet trotz ihres geringen Gewichts und einer sehr hohen Atmungsaktivität insbesondere für die thermischen Gefahren der Innenbrandbekämpfung ein deutlich höheres Schutzniveau als die bisher verwendete Schutzkleidung. Der Ausschuss „Persönliche Schutzausrüstung“ hatte die Beschaffung in den vergangenen Monaten intensiv vorbereitet. Insgesamt wurden mehr als 400 Stunden für Recherchen, Materialauswahl und Tragetests aufgewendet.
Ausgangslage
Die alten Überjacken entsprachen nach mehr als 15 Jahren Gebrauchsdauer verschleiß- und konstruktionsbedingt nicht mehr den Anforderungen an eine zeitgemäße Schutzkleidung. So war die Nässesperre beispielsweise bei vielen Jacken über die Jahre hinweg undicht geworden. Zudem wurden die Arme nur durch den einlagigen Oberstoff und die Nässesperre bedeckt. Eine Thermoisolationsschicht, die den Träger bei Flammen- und Hitzeeinwirkung wirkungsvoll hätte schützen können, fehlte. Handlungsbedarf bestand außerdem bei den erst im Jahr 2005 beschafften Überhosen, die nicht die erhoffte Qualität aufwiesen. Bei zahlreichen Hosen war der Oberstoff bereits nach kurzer Zeit durchgescheuert, die Nähte an besonders exponierten Stellen aufgerissen und auch die Hosenträger erwiesen sich nicht als optimal. Eine wirtschaftliche Reparatur war aufgrund der Konstruktion der Überhosen nicht möglich. Um die Sicherheit der Einsatzkräfte nicht zu gefährden, entschlossen sich Feuerwehr und Gemeinde für eine vollständige Neubeschaffung der Feuerwehr-Überbekleidung.
Ausschuss Persönliche Schutzausrüstung
Anfang 2010 trat der der neunköpfige Ausschuss „Persönliche Schutzausrüstung“ erstmals zusammen, um mit den Vorplanungen für die Beschaffung der neuen Schutzkleidung zu beginnen. Zahlreiche Fachartikel zur Thematik wurden zusammengetragen, Erfahrungswerte anderer Feuerwehren eingeholt und nicht zuletzt die Schwachstellen und Vorzüge der alten Schutzkleidung ausgewertet. Die Zahl von insgesamt 23 Ausschutzsitzungen und fast 400 Arbeitsstunden dokumentiert den Aufwand, der für die Auswahl der neuen Kleidung betrieben wurde.
Auf Basis einer Gefährdungsbeurteilung sowie unter Berücksichtigung der „Dienstkleidungsvorschrift für die Feuerwehren im Lande Schleswig-Holstein“ wurde dann ein vorläufiges Anforderungsprofil an die neue Schutzkleidung aufgestellt, das insbesondere folgende Ziele umfasste:
- Hoher Schutz vor direkter Beflammung und Hitzestrahlung im Innenangriff
- Geringes Gewicht und hohe Atmungsaktivität, geringe physiologische Belastung
- Sehr gute Verarbeitungs- und Materialqualität für eine lange Nutzungsdauer
- Berücksichtigung eines ausgewogenen Preisleistungsverhältnisses
- Gute Trageergonomie und hoher Tragekomfort
- Wirksamer Kälte- und Nässeschutz
- Warnwirkung im Straßenverkehr, Warnwestenbefreiung gemäß DGUV
Die neue Feuerwehr-Überbekleidung sollte auch weiterhin aus einem zweiteiligen Anzug bestehen, der den Anforderungen der DIN EN 469:2007 in den Leistungsstufen Xf2, Xr2, Y2 und Z2 entspricht (europaweit harmonisierte Norm für Feuerwehrschutzkleidung für die Innenbrandbekämpfung). Um den Tragekomfort und die Bewegungsfreiheit zu optimieren, sollte die neue Überjacke als Kurzjacke ausgeführt werden, die mit einer entsprechenden Überhose mit hochgezogenem Bund und Rückenteil als Nierenschutz kombiniert wird.
Wichtig war dem Ausschuss insbesondere eine ausgewogene und aufeinander abgestimmte Materialauswahl, unter Berücksichtigung eines gegenüber der Gemeinde vertretbaren wirtschaftlichen Aufwandes. So macht es wenig Sinn für den Oberstoff ein hochhitzeresistentes Hightech-Material zu verwenden, wenn die darunter liegenden Schichten, wie Nässesperre und Isolationsfutter, dieser Belastung nicht Stand halten und den Träger beispielsweise durch Schmelzen der Materialen gefährden.
Grundsätzlich wurde auch eine Zweiteilung der Schutzkleidung in eine leichte Variante für die Technische Hilfeleistung und Außenbrandbekämpfung sowie eine Schwere für die Innenbrandbekämpfung erwogen. Insbesondere bei hochsommerlichen Temperaturen besteht die Gefahr der Hitzeerschöpfung, da die Körperwärme der Einsatzkräfte durch die sehr dicke Schutzkleidung für die Innenbrandbekämpfung nur sehr eingeschränkt abgeführt werden kann. Nach intensiver Diskussion entschied man sich jedoch für eine universelle Schutzkleidung, die beide Einsatzspektren abdeckt, aufgrund ihres geringen Gewichts und der hohen Atmungsaktivität die Gefahr des Hitzestress jedoch reduziert.
Herstellerpräsentationen und Tragetest
Parallel zur Aufstellung des Anforderungskatalogs wurde eine umfassende Marktsichtung durchgeführt. Insgesamt zwölf Schutzkleidungshersteller aus dem In- und Ausland wurden mit der Bitte um Übersendung von Informationsmaterialien, Prospekten und Textilproben angeschrieben. Nach Sichtung der eingegangenen Unterlagen und Abgleich des jeweiligen Produktportfolios mit dem vorläufigen Anforderungsprofil, wurden die infrage kommenden Hersteller zu einer persönlichen Präsentation ihrer Produkte in die Feuerwache Klein Nordende eingeladen. Vertreter von sechs Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fanden in den folgenden Wochen und Monaten den Weg in den hohen Norden und gaben den Ausschussmitgliedern sehr informative und umfassenden Einblicke in das jeweilige Produktangebot.
Aufgrund der Ergebnisse der Herstellerpräsentationen wurden von drei Herstellern anschließend Musterstücke zur Durchführung eines mehrmonatigen Tragetests angefordert. Während der Sommer- und Herbstmonate wurden die Tragetestmuster auf Dienstabenden und bei Einsätzen ausführlich erprobt. Die Tester hatten hinterher Gelegenheit ihre Erfahrungen, Anregungen, Lob und Kritik in Fragebögen zu äußern, deren Ergebnisse in die endgültige 16-seitige Leistungsbeschreibung einflossen.
Im Juni 2010 besuchten einige Ausschussmitglieder die internationale Leitmesse für Rettung, Brand- und Katastrophenschutz „Interschutz“ in Leipzig, um sich über die Messeinnovationen im Bereich der Persönlichen Schutzausrüstung zu informieren und noch einmal das Gespräch mit Herstellern und Zulieferern zu suchen.
Aufbau und Ausstattung der neuen Schutzkleidung
Nach Auswertung aller Beschaffungskriterien und Eingang der Herstellerangebote, fiel die Entscheidung auf die Überjacke „Fire Power Bi-Color“ und die Überhose „Fire Breaker Action x-treme“ der österreichischen Firma Texport. Entscheidende Kriterien gegenüber den Produkten der Mitbewerber waren u.a. die sehr gute Verarbeitungsqualität, ausgezeichnete Leistungsdaten und gut durchdachte Detaillösungen. Nicht zuletzt spielte auch die Wirtschaftlichkeit des Angebotes sowie Kundenservice und - Betreuung, was z.B. das zur Verfügung stellen der angeforderten Informationen angeht, eine wesentliche Rolle bei der Entscheidungsfindung.
Die neue Kleidung zeichnet sich durch eine Vielzahl von Ausstattungsdetails aus: Beispielsweise wurden im Schulter- und Rückenbereich zusätzliche Polster eingenäht, die ein Zusammendrücken der Thermoisolation durch die Begurtung und die Trageplatte des Atemschutzgerätes verhindern. Eine Notwendigkeit, die u.a. aus Erfahrungen in der WGA Brunsbüttel resultiert. Die Hosenträger sind speziell gepolstert und sorgen neben einem guten Tragekomfort auch für ein zusätzliches Luftpolster. Auf der linken Seite ist eine außenliegende, höhenverstellbare Funkgerättasche angebracht. Sie bietet gegenüber einer eingesetzten Tasche den Vorteil, dass das Funkgerät besser bedient werden kann und dass der Oberstoff weniger stark aufträgt. Sprechgarnitur und Antennen können an speziell dafür vorgesehenen Halteschlaufen befestigt werden. Auf der rechten Seite befindet sich eine Halterung zum Anbringen einer Knickkopflampe. Die Kniepartie wird durch ergonomisch vorgeformte Kniepads und ein strapazierfähiges Kevlargewebe geschützt, ebenso wie die besonders beanspruchten Stellen an Ellbogen, Knöcheln sowie Arm- und Beinsäumen. Der kurze Schnitt der Jacke, zusätzliche Bewegungsfalten und ergonomisch geformte Ärmel sorgen für eine gute Bewegungsfreiheit. Am Ende der Ärmel sind Strickbünde mit Daumenschlaufen befestigt, die ein unbeabsichtigtes Hochrutschen der Ärmel verhindern sollen. Zwei Eingriff- und eine Napoleontasche an der Jacke sowie zwei an der Hose aufgesetzte Blasebalgtaschen bieten gute Verstaumöglichkeiten für die persönliche Ausrüstung der Einsatzkräfte. Revisionsöffnungen in Jacke und Hose ermöglichen kostengünstige und schnelle Reparaturen bei eventuell auftretenden Beschädigungen.
Als Farbe für den Oberstoff von Jacke und Hose wurde ein schmutzunempfindlicher Schwarz- bzw. Dunkelblauton gewählt. In der Vergangenheit hatte sich gezeigt, dass Verunreinigungen aus dem orangen Oberstoff der alten Jacken trotz Reinigung teilweise nicht mehr zu entfernen waren. In Kombination mit den fluoreszierenden Leuchtstreifen besteht auch vor hellen und farbigen Hintergründen eine sehr gute Warnwirkung, da eine gute Wahrnehmung durch Verkehrsteilneher u.a. von einem hohen Kontrast der verwendeten Farben abhängt. Um die Warnwirkung weiter zu verbessern, wurde der Nacken- und Schulterbereich durch einen roten Oberstoff farblich abgesetzt. Diese Variante wurde von dem Hersteller optional angeboten und konnte ohne Zusatzkostenumgesetzt werden. Die Leuchtbestreifung besteht aus einem neuartigen textilen Gewebestreifen. Dieser bietet neben einerhöheren Atmungsaktivität eine bessere Haltbarkeit als die herkömmlichen Leuchtstreifen. So verhindern die umgenähten Ränder ein Ausfransen und die Glaskügelchen des reflektierenden Silberstreifens lösen sich auch nach einer Vielzahl von Wäschen nicht vom Trägergewebe ab. Ansonsten entspricht die Bestreifung optisch der HuPF 2006. Auf der Rückseite ist ein Klett-Rückenschild mit der zweizeiligen
Aufschrift „Feuerwehr Klein Nordende“ angebracht, da an der Haltbarkeit einer direkten Beschriftung des Oberstoffes Zweifel bestanden. Eine Besonderheit ist der Schriftzug Feuerwehr mit dem langgezogenen „F“ und dem Ortsnamen: Dieser wurde nach dem Vorbild der Fahrzeugbeklebung und dem Design der Homepage entworfen. Die Rückenschilder wurden dann von einer Firma aus dem Ruhrgebiet speziell für die Feuerwehr Klein Nordende angefertigt.
Die bedeutendste Innovation liegt jedoch im Materialaufbau der neuen Schutzkleidung. Feuerwehrüberjacke und -hose bestehen aus einer vierlagigen Linerkonstruktion, die sich aus Oberstoff (außen), textiler Zwischenlage, Nässesperre und Innenfutter zusammensetzt.
Galten bisher punktförmig auf die Nässesperre aufgebrachte Abstandshalter aus Silikon (z.B. Airlock) als bestmöglicher Kompromiss aus Thermoisolierung, Gewicht und Atmungsaktivität, so verbessert der erstmals auf der Interschutz 2010 vorgestellte Lagenaufbau „x-treme“ sowohl den thermischen Schutz als auch die Atmungsaktivität. Möglich macht dies die neuartige textile Zwischenlage aus einem dreidimensional verwobenen, grobmaschigen Nomex III-Gewebe.
Der Oberstoff besteht aus Nomex Tough, einem Aramid-Obergewebe, das sich neben seiner thermischen Stabilität insbesondere durch ein geringes spezifisches Gewicht und eine hohe Zugfestigkeit auszeichnet. Im Gegensatz zu den immer beliebter werdenden Polybenzimidazol-Kevlar-Gewebe mit ihrer charakteristischen Braunfärbung, wie z.B. PBI Matrix, kann durch Verwendung dieses Oberstoffes bei ansonsten identischem Lagenaufbau eine höhere Atmungsaktivität und ein geringeres Gesamtgewicht erzielt werden. Positiver Nebeneffekt: Die Kosten für die Schutzkleidung sind rund 20 % geringer, dennoch bietet sie ein annähernd identisches thermisches Schutzniveau. So konnten bei einem acht sekündigen Beflammungstest auf dem Thermoman der Firma DuPont keinerlei zweit- oder drittgradige Verbrennungen festgestellt werden. Ein Ergebnis, das bisher nur wenige Schutzkleidungen erreichen.
Die absolut wasserdichte aber dennoch atmungsaktive Nässesperre besteht aus einer ePTFE-Membran (GoreTex „Fireblocker N“), besser bekannt als Teflon. Die Vorteile dieses Materials bestehen in einer langen Haltbarkeit, einer hohen thermischen Stabilität sowie einer große Beständigkeit gegenüber einer Vielzahl chemischer Substanzen.
Auftragsvergabe und Auslieferung
Ende August 2011 erfolgte die Auftragsvergabe durch das Amt Elmshorn-Land. Vorher war es mehrfach zu Verzögerungen gekommen. Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit war ursprünglich eine gemeinsame Beschaffung mit anderen Feuerwehren aus dem Kreis Pinneberg geplant worden. Aufgrund bürokratischer Hürden musste hiervon jedoch Abstand genommen werden. Weitere Verzögerungen entstanden, da Vertreiber und Hersteller der neuen Kleidung nicht mehr zu den ursprünglich gemachten Preiszusagen stehen wollten. Erst nach einer umfangreichen Neubewertung der Ausschussergebnisse und Auswahl eines Alternativmodells eines anderen Herstellers, konnte man sich letztlich doch auf die ursprünglich genannten Konditionen einigen.
Bevor mit der Produktion der neuen Schutzkleidung begonnen werden konnte, standen jedoch noch Anprobe und eine individuelle Größenbestimmung an. Um einen guten Sitz und eine optimalen Passform zu gewährleisten, wurden die Kameraden an mehreren Dienstabenden im September von der Herstellerfirma Texport und der Firma Kraft Feuerschutz aus Rendsburg einzeln vermessen und verschiedene Tragemuster ausprobiert.
Nachdem die Einsatzschutzhelme im Jahr 2010 ersatzbeschafft wurden, endet mit der Auslieferung der neuen Schutzkleidung eine umfangreiche Modernisierung der persönlichen Schutzausrüstung der Feuerwehr Klein Nordende. Zukünftig steht den Einsatzkräften damit eine zeitgemäße Schutzausrüstung zur Verfügung, die den aktuellen Norm- und Sicherheitsstandards entspricht und ein ganzheitlich hohes Schutzniveau bietet.
Ein besonderer Dank gilt dem Bürgermeister und dem Klein Nordende Gemeinderat. Zusammen mit dem Förderverein, trug die Gemeinde den Löwenanteil der rund 56.000 € teuren Investition. Zwar ist es gesetzliche Pflicht des Trägers der Feuerwehr den Einsatzkräften eine angemessene und ausreichende Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen, vor dem Hintergrund angespannter Gemeindefinanzen ist dies heutzutage jedoch keine Selbstverständlichkeit mehr.
Bildergalerie:
Fotos: Jannes Meier-Spiering
Video:
Quelle: www.texport.at
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